1. Was ist Mediation?

Mediation ist nicht das, was viele Kollegen meinen, „schon immer gemacht zu haben“.Bei der Mediation muss man auch nicht mit gekreuzten Beinen in der „Ecke sitzen und sich konzentrieren“, wie ein Mandant nach einer 45-minütigen Aufklärung über die Mediation erleichtert in unserer Kanzlei feststellte.
Mediation – ein für die deutsche Sprache etwas unglücklich gewähltes Wort – bedeutet zunächst einmal nichts anderes als Vermittlung, ein Mediator ist ein Vermittler.
Vermitteln wiederum ist nach Grimms Wörterbuch (1984): durch Einschieben eines Mittelstücks Auseinanderliegendes – Auseinandergehendes einigen, zugänglich machen, übertragen, befreunden, ausgleichen, ebnen.
Im Gegensatz zum Schlichter oder Vermittler, die wie der Mediator versuchen, verschiedene Positionen aufeinander zuzuführen mit dem Ziel einer Einigung, weist die Mediation jedoch Besonderheiten auf:
Der Mediator ist neutral, er führt die Beteiligten einer Lösung zu, indem er ihnen im Rahmen einer Struktur hilft, diese zu finden, sie aber nicht vorgibt, sondern die Lösung ist von den Beteiligten, den Medianten, selbst zu erarbeiten. Der Mediator verfügt über keine eigene Entscheidungsmacht.
Damit gibt die Mediation den Beteiligten die Möglichkeit, in Eigenverantwortung zu entscheiden, wie ein zwischen ihnen bestehender Konflikt gerecht, d. h. für die Beteiligten richtig, gelöst werden kann, statt dass ein Dritter, z. B. ein Richter oder Schiedsrichter, unter Ausübung von Entscheidungsmacht anordnet, was gerecht ist.

2. Wie läuft die Mediation ab?

Zunächst wird der Mediator die Beteiligten getrennt oder zusammen eingehend über das Verfahren und die Kosten informieren. In dieser Besprechung wird keinesfalls über Sach- und Streitthemen geredet, es wird allein das Verfahren erörtert. Diese Vorstellung des Verfahrens ist bei uns und vielen Kollegen kostenlos. Entscheiden sich alle Beteiligten freiwillig und unabhängig voneinander für die Mediation und wird sie von den Beteiligten als das für sie vorzugswürdige Verfahren gehalten, läuft die Mediation in 5 Stufen ab:

1. Erstellung eines Arbeitsbündnisses zwischen den Beteiligten und dem Mediator
(Freiwilligkeit, Offenheit, Vertraulichkeit, wer trägt welche Kosten, Vorrang des Mediationsverfahrens vor einem – evtl. auch schon begonnenen – Gerichtsverfahren)

2. Themensammlung, Bestandaufnahme
(Erarbeiten und Auffinden von Positionen)

3. Konfliktbearbeitung
(Erarbeitung der Interessen und Bedürfnisse hinter den Positionen,  Wahrnehmungserweiterung und -vertiefung auf der Grundlage unterschiedlicher Interessen)

4. Einigung
(Ausschöpfung und Aktivierung aller Ressourcen, Respekt, Kooperation, wertschöpfende Ergebnisse)

5. Vertragsgestaltung
(Akzeptanz der Realität, schriftliches Fixieren der erarbeiteten Lösung, sog. Memorandum, Einschaltung von Außenanwälten zur Kontrolle, ob die gefundene Lösung wirklich gewollt und tragfähig ist)

Wie viel Zeit die Mediation in Anspruch nimmt, hängt von den zu lösenden Konflikten ab und der zwischen den Beteiligten bestehenden Dynamik. Der Mediator wird zu jeder Stunde ein Protokoll für die Medianten erstellen und am Ende das Memorandum formulieren, was dann in die Form eines juristischen Vertrages gebracht wird.

3. Was sind die Vorteile der Mediation gegenüber einem gerichtlichen Verfahren?

Statt sich hinsichtlich des Ergebnisses einer mit Entscheidungsmacht ausgestatteten Institution zu unterwerfen, verhilft die Mediation den Parteien bei der Entwicklung selbst verantworteter Lösungen. Ziel ist die zügige Erarbeitung einer Vereinbarung – unabhängig von Terminierungen der zunehmend überlasteten Gerichte – bei der sämtliche im konkreten Konfliktumfeld verfügbaren Ressourcen zu Gunsten beider Beteiligter genutzt werden. Statt über Anwälte kommunizieren die Konfliktpartner mit Unterstützung durch den Mediator direkt miteinander, was dazu beiträgt, die eigenen Interessen zu erkennen, zu formulieren, die des Gegners zu hören und zu verstehen und die Unterschiedlichkeit beiderseitig zu akzeptieren. Das Mediationsverfahren stärkt die Dialogfähigkeit und die Fähigkeit zu Kooperation und führt letztendlich zur Gestaltung eines Konfliktes. Eine gelungene Mediation schafft die gegenseitige Akzeptanz, das Verfahren wird von beiden Seiten verstanden, weil es von den Medianten ausgestaltet wird, und die Erfahrung des (einer Entscheidungsmacht) „Ausgeliefertseins“ wird vermieden. Hier sind die Erfahrungen vieler Mandanten in familienrechtlichen gerichtlichen Verfahren wiederzugeben, die das Verfahren trotz der Erläuterungen des Richters und der Rechtsanwälte nicht verstehen, sich mit ihren tief greifenden Ängsten vor existenziellen Veränderungen nicht gehört und verstanden wissen, zu berücksichtigen, die häufig zu Frustrationen und nicht selten zu immer wiederkehrenden (Folge-) Rechtsstreitigkeiten führen. Hier sei nur das Beispiel der immer wieder erfolgenden Klagen auf Abänderungen bei Kindes- und/oder Ehegattenunterhalt verwiesen, die häufig zwar die jeweils erwünschte Abänderung bewirken, letztlich aber die tief greifenden Störungen in Familien immer wieder von Neuem fördern. Im familienrechtlichen Bereich gibt es empirische Untersuchungen (Prof. Bastine und Prof. Proksch), die zu der Feststellung kommen, dass die Familienmediation außerordentlich nützlich ist, gerade im Hinblick auf die Beständigkeit von Vereinbarungen und die Zufriedenheit mit den Verfahren.

4. Für welche Fälle ist die Mediation besser geeignet und wann ist das gerichtliche Verfahren vorzugswürdig?

Wenn grundlegende Rechtsfragen entschieden werden müssen, sind die Gerichte allein berufen, diese zu entscheiden. Herrscht zwischen den Konfliktpartnern ein unauflösliches Machtungleichgewicht, kann nur das Gericht den Konflikt entscheiden. Werden schnelle, vollstreckbare Entscheidungen benötigt, ist die Mediation ebenfalls nicht berufen. Mediation kommt aber in all den Fällen in Betracht, in denen die Konfliktpartner weiterhin miteinander zu tun haben. „Wenn beispielsweise Eltern wegen ihrer Kinder oder in Würdigung ihrer gemeinsamen Lebenszeit auch nach der Scheidung nicht in Streit leben wollen, dann ist es fruchtbarer, wenn sie versuchen, gemeinsam einen Konsens zu finden. Ähnlich ist es bei lang dauernden Schuldverhältnissen, weil ja hier die Geschäftspartner auch in Zukunft miteinander Geschäfte machen wollen.“ (Dr. H. G. Mähler im Gespräch mit Prof. R. Gerhardt in Zeitschrift für Rechtspolitik, Seite 252 ff., 2003). Ganz grundsätzlich lässt sich sagen, dass eine Konsensentscheidung um so mehr in Betracht kommt, je persönlicher ein Konflikt ist. Das Konsensverfahren ist auch dort vorzuziehen, wo auf die Zukunft bezogene Gestaltungsaspekte im Vordergrund stehen. Daraus ergibt sich, dass klassische Einsatzgebiete der Mediation auch Streitigkeiten und Blockaden im arbeitsrechtlichen und gesellschaftsrechtlichen Umfeld sind, in politischen oder privaten Organisationen, Vereinen, oder in Familien im erbrechtlichen Zusammenhang, sei es vor oder nach dem Erbfall, weil hier die Konflikte häufig nicht ohne Einbeziehung von Problemen auf der persönlichen Ebene gelöst werden können. Nach Dr. Mähler ist das Konsensverfahren bei „Einmaltätigkeit“ dann vorzuziehen, „wenn der Konflikt in einem komplexen Kontext  angesiedelt ist, beispielsweise bei der Erweiterung eines Flughafens oder bei  einem Tankerunglück, oder wenn schnelle Regelungen vor Ort notwendig sind, z. B. bei Großbauten“ (Dr. Mähler am angegebenen Ort (aaO), Seite 254). Bei weniger komplexen Streitigkeiten unter Personen, die sonst nichts miteinander zu tun haben, ist aber grundsätzlich die gerichtliche Entscheidung vorzuziehen.

Noch einmal sei hier betont, dass Mediation unabdingbar die Vertraulichkeit, die Freiwilligkeit und den absoluten Verzicht auf Ausübung von Macht seitens der Medianten voraussetzt.

5. Was kostet die Mediation?

Mediation ist vom Grundsatz her günstiger als die gerichtliche Auseinandersetzung mit in der Regel zwei Anwälten durch eine oder mehrere Instanzen. Anderes gilt nur für den Fall, dass die Mediation scheitert und danach doch die Gerichte angerufen werden müssen. Dann sind die Kosten für die Mediation zusätzlich angefallen. Deshalb sollten die Konfliktpartner sich nach der Beratung über das Mediationsverfahren sehr ernsthaft fragen, ob das Instrument für sie persönlich und für ihren Konflikt das vorzugswürdige Verfahren darstellt. Der Mediator rechnet nach Stunden ab. Dabei sind Stundenlöhne zwischen 100,00 € und 350,00 € marktüblich. Der Mediator wird dabei die Zeit für die gemeinsamen Sitzungen, für die Erstellung der Protokolle und die Zeit für die Formulierung des Memorandums in Rechnung stellen und seinen Zeitaufwand darlegen.

Bei einem familienrechtlichen Fall, der mit einem Streitwert von Euro 20.000,00 (z.B. wegen Unterhalt und Zugewinnausgleich), erstinstanzlich entschieden und rechtskräftig wird, ist nach dem Rechtsanwaltsvergütungsgesetz und dem Gerichtskostengesetz mit Kosten von insgesamt ca. Euro 5.500,00 netto zu rechnen, während eine 14 Stunden je Euro 150,00 in Anspruch nehmende Mediation nebst der Geschäftsgebühr für die Ausarbeitung des Vertrages durch den Anwaltsmediator und der Gebühr für die notarielle Ausfertigung des Vertrages Kosten von ca. Euro 3.500,00 netto entstehen. Die konkreten Kosten fragen Sie bitte vor Auftragsvergabe bei Ihrem Mediator an, wobei der zeitliche Aufwand selbstverständlich vom Verlauf der Mediation abhängt. Leider hat der Gesetzgeber noch nicht die Möglichkeit geschaffen, für Mediation prozesskostenhilfeähnliche Leistungen zu erhalten, allerdings bieten immer mehr Rechtsschutzversicherungen diese Leistung an. Bitte fragen Sie dazu bei Ihrer Rechtsschutzversicherung nach.

6. Wer kann als Mediator arbeiten?

Leider ist die Bezeichnung „Mediator“ noch keine umfassend geschützte Berufsbezeichnung. Deshalb sollten Sie sich vor einem Treffen mit einem solchen genau erkundigen, über welche Ausbildung der Mediator verfügt. Empfehlenswerte Mediatoren verfügen über eine qualifizierte Zusatzausbildung zu ihrem eigentlichen – akademischen – Beruf. Neben Juristen finden sich Psychologen und Therapeuten, Theologen, Kommunikationswissenschaftler, Historiker, Politikwissenschaftler, Volks- und Wirtschaftswissenschaftler, Architekten und Bauingenieure unter den Mediatoren, wobei diese Aufzählung keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Welcher Mediator die besten Voraussetzungen für Ihren Konflikt mitbringt, hängt von dem Konfliktfeld ab: „Wenn es beispielsweise darum geht, Baurechtstreitigkeiten zu lösen, dann ist ein Architekt oder Bauingenieur möglicherweise der beste Mediator, einfach deshalb, weil er die nötige Sachkenntnis mitbringt. Juristen sind überall da als Mediatoren gefragt, wo der Konflikt in einer Normdichte angesiedelt ist, an dessen Ende rechtlich verpflichtende Vereinbarungen stehen, …, beispielsweise bei der (Neu-) Gestaltung von Gesellschaftsverträgen. Mediation gehört im Übrigen gemäß § 18 der Berufsordnung für Rechtsanwälte ausdrücklich zum Tätigkeitsfeld der Anwälte.“ (Dr. Mähler aaO). Dazu empfiehlt es sich, beim jeweiligen Anwaltsmediator auch dessen fachspezifische Qualifikation nachzufragen. Wir haben unsere Ausbildung bei Dr. Gisela und Dr. Hans-Georg Mähler (Rechtsanwälte und Fachanwälte für Familienrecht in München) absolviert, die als „Pioniere“ der Mediation in der Bundesrepublik gelten. Sie sind Mitbegründer der Bundes-Arbeitsgemeinschaft für Familien-Mediation und Herr Dr. Mähler ist Mitglied des Familienrechts- und des Mediationsausschusses der Bundesrechtsanwaltskammer. Wir befinden uns in ständiger Weiterbildung bei unseren Ausbildern und anderen namhaften Persönlichkeiten aus dem Berufsfeld der Mediation durch hochqualifizierte Supervision und regelmäßige Co-Visionen mit unseren Kollegen.

7. Warum machen wir Mediation?

Mediatorin und Rechtsanwältin Cornelia Großer-Fettweis:

Nachdem ich meinen Dienst als Verwaltungsjuristin in der Hamburger Justiz quittiert hatte, ließ ich mich im März 1999 als Rechtsanwältin in Seeshaupt zu. Bereits in der ersten mir übersandten Zeitschrift der Bundesrechtsanwaltskammer fand ich einen grundlegenden Artikel über die Mediation und war fortan von diesem Instrument der Konfliktregelung fasziniert. Nach intensiver Auseinandersetzung mit der Literatur zur Mediation und erfolgter Ausbildung zur Mediatorin bin ich schlicht begeistert, wobei diese Begeisterung mit jedem vertiefenden Seminar noch zunimmt. Obwohl das Wissen um die Mediation in Deutschland zu wünschen übrig lässt und der Bundesdeutsche Gesetzgeber dieses Instrument mehr als stiefmütterlich behandelt – im Gegensatz zu vielen anderen europäischen Ländern, in denen die Empfehlung des Ministerkomitees des Europarates von 1998 besser umgesetzt worden ist – bin ich davon überzeugt, dass die Mediation zu einem veränderten Streitverhalten in der Bevölkerung beitragen könnte. Es bleibt abzuwarten, wie sich das häufig schon im Grundschulbereich eingesetzte Erlernen einer anderen Konfliktbearbeitung auf die Gesellschaft auswirken wird. Ich möchte jedenfalls versuchen, an dieser Entwicklung mitzuarbeiten. Diesem Ziel dient auch die Erarbeitung dieses Textes.

Mediatorin und Rechtsanwältin Kathrin Mittermaier:

Mediation – das war für mich schon immer der Inbegriff von Befriedung und Einigung. Befriedung nicht im Sinne von: Einer gewinnt, der andere muss damit klarkommen, Hauptsache, der Streit ist geklärt. Im Laufe meiner Tätigkeit als Rechtsanwältin wurde sehr deutlich, dass ein Gerichtsverfahren zwar Rechtsfrieden, den Frieden zwischen den Konfliktpartnern aber in den seltensten Fällen herbeiführen kann. Dies ist nicht verwunderlich und auch kein Versagen der Justiz. Das durch das BGB und sonstige Normen vorgegebene Recht kann auf einen individuellen Rechtsstreit niemals 100%-ig passen: Diese Normen können nur in abstrakter Weise ein Gerüst bilden, aufgrund dessen der konkrete Konflikt gelöst wird. Als ich meine Tätigkeit in der Kanzlei Großer-Fettweis begann, entstand schnell der Wunsch, die Ausbildung zur Mediatorin zu absolvieren. Meine Ausbildung zur Mediatorin bei den Anwaltsmediatoren Dr. Gisela Mähler und Dr. Hans-Georg Mähler machen zu können, war eine besondere Freude und eine große Bereicherung nicht nur für meine Tätigkeit als Mediatorin, sondern gerade auch für mich persönlich. Hierfür bin ich sehr dankbar. Den Geist der Mediation und die neue Art der Verständigung nun durch meine Tätigkeit weiter verbreiten zu können, ist für mich enorm wertvoll. Und ich denke, dass diese neue Form der gewaltfreien Konfliktlösung, so diese in politische Ebenen dringt, eine echte Chance darstellen wird, auch die großen Probleme der heutigen Zeit konstruktiv angehen zu können.

8. Ausblick anhand von klassischen Beispielen und Literaturhinweise

„Zwei Kinder streiten sich um eine Orange. Nachdem sie sich endlich geeinigt haben, dass sie die Orange aufteilen und durchschneiden werden, stellt sich heraus, dass das eine Kind die Schale wegwirft und die Frucht ißt und das andere die Frucht wegwirft und die Schale nimmt, um damit einen Kuchen zu backen. Hätten beide vorher geklärt, weshalb sie die Orange wollen, hätte jedes Kind die ganze Frucht bzw. die ganze Schale erhalten und es wäre damit schnell eine für alle noch befriedigendere Lösung erreicht worden.“ (Aus Ivo Greiter „Kreativität bei Verhandlungen und im Alltag“, 444 Denkanstösse, 157 Beispiele, Seite 64)

Dieses klassische und vereinfachende Beispiel zeigt gut, dass es bei der Konfliktlösung wesentlich darum geht, hinter der Position „Ich will die Orange“ das Interesse „Warum will ich die Orange“ herauszuarbeiten, womit die Basis für eine eigenverantwortliche Lösung geschaffen wird. Ziel einer Konfliktlösung kann bzw. sollte die so genannte Win-Win-Situation sein, d. h. die vorhandenen Ressourcen werden bestmöglich auf beide Partner verteilt. Dass dabei Kreativität gefordert – und gefördert – wird, zeigen die Beispiele von Dr. Ivo Greiter Rechtsanwalt und Mediator in Innsbruck, dessen oben genanntes Buch im Otto Schmidt Verlag in Köln im Jahre 2001 erschienen ist.

Aus den 444 Denkanstössen und 157 Beispielen seien im Folgenden zwei dargestellt:

Die Vermögensaufteilung bei der Ehescheidung
Es war eine einvernehmliche Ehescheidung wie viele andere, aber da waren etliche Stücke, an denen jeder der Ehepartner sehr hing. Und auch sonst war viel Vermögen da: Ein Wohnhaus, eine vermietete Wohnung, die Briefmarkensammlung, zahlreiche teure Bilder, Wertpapiere in Höhe von ca. 3 Mill. Schilling, einige Sparbücher mit Einlagen von 1,8 Mill. Schilling, eine kleinere Firmenbeteiligung und natürlich die ganze Wohnungseinrichtung. Beide wollten keinen Streit, aber über die Bewertung des Wohnhauses, der vermieteten Wohnung, der Bilder und der Firmenbeteiligung konnte keine Einigung erzielt werden. Und dann waren da noch die persönlichen Stücke, die jeder gerne haben wollte. Eine verfahrene Situation bis einer der Anwälte einen Vorschlag machte, ein Ehepartner solle innerhalb einer Woche zwei „Stöße“ machen und alles aufteilen, der andere soll dann wählen. Wie in der Kindheit. Die Ehepartner stimmten zu. Die Aufteilung fiel genauso schwer, wie dann die Wahl. Aber da jeder voll beteiligt war, konnte auch die Vermögensaufteilung einvernehmlich abgewickelt werden. „

Den Lösungsweg in diesem Fall beschreibt Herr Dr. Greiter so:„Das Muster aus der Kindheit, einer teilt, der andere wählt, kann auch auf so komplexe Verhandlungssituationen wie eine Ehescheidung angewandt werden. Die Aufteilung der Verhandlung in zwei zeitlich aufeinander folgende Schritte bei denen je ein Beteiligter völlig allein entscheidungsbefugt ist, bindet jeden in die Entscheidungsfindung voll ein.“
Das faszinierende an dieser einfachen Lösung ist, dass sich der die Haufen bildende um äußerste Gerechtigkeit bemühen wird, weil er nicht wissen kann, welcher Stoß ihm schließlich vom anderen belassen wird.

Die Sinai-Halbinsel
In seinen Vorlesungen erzählte Roger Fisher folgendes Beispiel aus der Praxis: Nachdem sich Ägypten und Israel in Camp David an den Runden Tisch gesetzt hatten, durften beide Parteien ihre Forderungen stellen. Ägypten verlangte natürlich kategorisch die Sinai-Halbinsel zurück, Israel hingegen weigerte sich, diese zurückzugeben. Auf der Ebene des Verhandelns war somit keine Einigung zu erzielen. Was tun? Richtig: Die Ebenen wechseln! Man fragte also Ägypten, was sein Interesse an der Sinai-Halbinsel wäre. Die Ägypter antworteten: „Es geht uns um unsere nationale Souveränität. Die Sinai-Halbinsel hat seit tausenden von Jahren zu Ägypten gehört, und das soll immer so bleiben.“ Ägypten ging es also um die Integrität ihrer Nation. Was aber war das Interesse hinter der Position Israels? „Uns geht es um Sicherheit! Was geschieht, wenn die Ägypter die Halbinsel wieder haben? Dann stehen ihre Tanks vor unserer Haustüre. Das können wir nicht zulassen.“ Das Anliegen von Israel war somit Sicherheit.
Der Prozess des Verhandelns bestand nun darin, wie Fisher erzählte, eine Lösung zu finden, die sowohl den Bedürfnis nach nationaler Souveränität der Ägypter als auch dem Bedürfnis nach Sicherheit der Israelis nachkam. Und diese Lösung wurde schließlich gefunden: Es war die Lösung, die den Krieg beendete: Die Sinai-Halbinsel fiel zurück an Ägypten und wurde zur entmilitarisierten Zone erklärt. Damit war die nationale Souveränität Ägyptens wieder hergestellt und Israel fühlte sich sicher. Kein fremder Panzer stand mehr an seiner Westgrenze.“

Den Lösungsweg beschreibt Herr Dr. Greiter so: „Dadurch, dass intensiv nach den Gründen gefragt wurde, warum beide Parteien diese Ansprüche stellten, stellte sich heraus, dass die Interessen, die zu diesen Forderungen führten, verschieden waren. Die verschiedenen Interessen konnten somit jede auf ihre Art befriedigt werden, ohne dass die Lösung hier zu widersprüchlich war.“
Diese Beispiele sollen aufzeigen, dass im Wege des Mediationsprozesses gefundene Lösungen effektiver und befriedigender sein können als langwierige gerichtliche Verfahren, die zudem wegen des in der Vergangenheit Geschaffenen recht starr sind und keinen Raum für Kreativität und individuelle Lösungen lassen.

Interessiert Sie dieses Thema mehr, empfehlen wir Ihnen neben dem schon erwähnten Buch von Dr. Greiter das Buch „Gewaltfreie Kommunikation“ von M. B. Rosenberg, Verlag Junfermann („Worte können Fenster sein oder Mauern“). Geht es in Ihrem Fall um Familienrecht, empfehlen wir unter anderem das Buch unserer Ausbilder Dres. Mähler und J. Duss-von Werdt „Faire Scheidung durch Mediation“ oder „Familien-Mediation und Kinder“ von Diez, Krabbe, Thomsen aus dem Bundesanzeiger Verlag 2002 oder Gary J. Friedmann „Die Scheidungs-Mediation. Anleitungen zu einer fairen Trennung“, rororo-Verlag.

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